Wummi & die Sprechstundenhilfe Episode 3

Wummi und die Sprechstundenhilfe – Episode 3

 

Wie man einen Psychologen zur Verzweiflung bringt…

 

Eine Kurzgeschichte von Volker Hochmuth im April 2012

 

Die Zeit danach!

 

Es  sind drei Monate vergangen von dem Tag an als Wummi aus der Vereinsmitgliederversammlung verschwunden war!

 

Sie ging ihrer Arbeit nach und erfüllte ihren Job nach wie vor vorbildlich. Wummi aber dachte in ihren einsamen stillen Stunden sehr intensiv und immer wiederkehrend über sich und diese Welt nach. Zuweilen rasten ihre Gedanken von dem Loch im Ladenboden zu den rollenden Tomaten, über das verletzte Kinn, zu der Frau mit dem Regenschirm welche sich so echauffiert hatte, bis hin zu dem Tumult im Saal und am Rednerpult bei der Mitgliederversammlung und den sonstigen missglückten Dingen in ihrem Leben. Letztlich fiel ihr bei der Gedankenraserei auf, dass sie selbst, bei nahezu jedem Lebensdilemma, immer die Flucht ergriffen hatte.

 

Das alles versetzte Wummi nahezu in Angst und Schrecken. Es verletzte Ihre Seele zum wiederholten Mal. Immer dann, bei diesen Gedanken, kam ihr ein fataler Einfall: Mein Platz, hier in diesem leben, ist nicht der richtige.

 

Sie war verzweifelt und dem Wahnsinn nahe. Immer häufiger und nur in einsamen Stunden, allein zu Hause, mit Ihren Gedanken und der Gedankenraserei, kam ihr dieser Einfall in den Sinn.

 

Was aber niemand wusste. Da war noch Pipi, der Wellensittich. Sie hatte ihm über lange Zeit das Sprechen beigebracht. Immer wenn Wummi nach Hause kam rief er „Hurra Wummi ist da“. Das war zumeist ihr Lebenshaltepunkt! Sie sprach mit Pipi, stundenlang und öffnete ihm ihr Herz, was bislang noch kein Mensch jemals für sie getan hatte…

 

Drei weitere Wochen später!

 

Es war 19:00 Uhr, die Arbeit bei der Behörde war vorbei. Wummi ging langsam und verhalten, sehr bedächtig den langen Flur entlang, auf ihrer Etage, wo sich ihr Büro befand, Richtung Fahrstuhl. In Gedanken versunken und an Pipi denkend stieg sie in den Fahrstuhl welcher in das Erdgeschoss hinab glitt. Eine feine aber dennoch sehr kräftige Stimme sagte „Hallo Wummi, wir haben uns schon lange nicht gesehen. Wie geht es Dir?“

 

Die Welle des Schreckens welche durch ihren Körper fuhr, war nur sehr schwer zu erkennen. Schließlich konnte ihre Statur derartige Schreckenswellen sehr gut verbergen. Der Grund für die Welle des Schreckens war diese Frage. Sie dachte dabei „Jemand fragt nach meinem befinden?“ Der Effekt daraus war, dass Wummi einen Henkel ihres kleinen Beutelchens verlor. Abrupt rollten sofort in Sekundenschnelle, vier Brötchen, eine Fleischwurst, fünf Tomaten, einmal Catchup und eine Flasche Rotwein auf den Fahrstuhlboden. Von der Chip-Tüte ganz zu schweigen.

 

Wummi schaute auf und erblickte „Hera“. Wummi kannte sie oberflächlich aus der Zeit als sie bei den Behörden ihren Job antrat. Sie beide hatten sich angefreundet weil es damals um diffizile Themen ging die sich auf Chemie bezogen und so ‘n Zeug.  Was alles in den Lebensmitteln drin sein sollte. Es ergab sich eine Sekundenkommunikation. Hera sagte, dass sie selbst, bezogen auf Wummi bemerke, es habe eine erhebliche Veränderung stattgefunden und es höchste Zeit wäre Hilfe zu suchen. Auch weil sie selbst den Beruf geändert hatte und nun Psychologin mit erweiterten Schulungen wäre und nun endlich eine Familie hätte! Der Fahrstuhl kam im Erdgeschoss an und es öffneten sich die Türen.Hera rief Wummi einen lieben Abschiedsgruß zu, reichte ihr zwei Visitenkarten und verschwand zwischen den Menschen, die nur an den Feierabend dachten und somit in Eile aus dem Gebäude verschwanden.

 

Niemand achtete auf Wummi!

 

Die zwei Visitenkarten in der Hand haltend ließ sich Wummi sehr nachdenklich in den nächstgelegenen Sessel  am Fahrstuhl in der Vorhalle fallen und dachte nach.

 

7 Tage später!

 

Sie hatte die Adresse des Psychologen gefunden und trat durch die Tür in die Praxis. 

 

Es schien so als ob eine Blumenrabatte im Weg war, denn es gab ein schepperndes und klirrendes Geräusch als Wummi durch die Tür schritt.  Wummi hingegen war während dessen sehr mit dem Gedanken beschäftigt nach vorne an den Tresen zu kommen  um die Anmeldeprozedur hinter sich zu bringen. Relativ schadensfrei am Tresen angekommen, reichte sie der jungen und sehr schlanken Dame ihre Karte hinüber. Diese fragte Wummi zunächst  freundlich und lächelnd ob ihr etwas geschehen sei beim Eintreten in die Praxis. Wummi bestätigte sehr verwirrt, dass bislang alles in Ordnung sei. Die Sprechstundenhilfe schaute zu dem Dilemma an der Tür, sagte dass sie das sogleich in Ordnung bringen wird und beendete diese Kommunikation mit den Worten  „Vielen Dank für Ihren Besuch bei uns. Nehmen sie bitte im Warteraum Platz, sie werden aufgerufen.“  Wummi ging sehr vorsichtig in Richtung Warteraum, während sie hinter sich die typischen Geräusche vernahm, wenn jemand Scherben zusammenfegte und Feuchtigkeit vom Boden aufwischte.

 

Im Warteraum angekommen stellte Wummi fest, dass nur noch ein einziger Stuhl zwischen zwei älteren Herren frei war. Es entstand bei ihr, in diesem Moment, das allzu bekannte und zugleich  ungute Gefühl sehr, sehr vorsichtig sein zu müssen. Zunächst fokussierte sie den Platz wo man die Jacken aufhängen könne. In der Ecke links von ihr war der Kleiderständer. Wummi bewegte sich vorsichtig und etwas schüchtern in Richtung Kleiderständer. Auf etwa halben Weg dorthin vernahm sie die etwas energisch klingenden Worte „Bitte Vorsicht!“.  Nahezu zeitgleich ertönte ein knirschendes und etwas metallisch klingendes Geräusch. Völlig außer sich, schwungvoll aber dennoch vorahnend, drehte sich Wummi erschrocken halb nach links, wobei sie ihre eigene Handtasche nicht beachtete. Ihre Handtasche war im Gesicht eines sitzenden Mannes gelandet der sich nun zähneknirschend die Wange festhielt welche sich rötlich verfärbte. Die Metallschnalle von Wummis Handtasche war frontal an seine Wange geraten und verursachte die rötliche Verfärbung. Noch während dessen sammelte eine Dame mittleren Alters die Reste ihres neuen Handys aus ihrer Tasche welche sie neben sich am Boden deponiert hatte. Wummi war versehentlich auf einen Teil der Handtasche getreten. Mit diesem Tritt hatte sie dem Handy den Rest gegeben und es für immer außer Dienst gestellt.

 

Der daraus resultierende Tumult im Wartezimmer, gepaart mit den Bemerkungen einiger Patienten, rief die Sprechstundenhilfe auf den Plan. Die junge Dame erschien sogleich in der Tür des Wartezimmers und erkundigte sich mit sachkundigen Blicken, die sich auf Wummi richteten, was denn passiert sei und ob jemand Hilfe benötige. Die Patienten im Wartezimmer richteten schweigend ihre Blicke auf Wummi. Diese stillschweigenden Blicke deutete die Sprechstundenhilfe zielsicher als Hilferuf und forderte Wummi unauffällig auf, in das Behandlungszimmer Nummer 1 zu gehen und sich dort einen Moment zu gedulden.  Wummi drehte sich sehr vorsichtig um und verließ mit gesenktem Kopf schweigend das Wartezimmer während ihr immerfort ein Gedanke durch den Kopf raste „Ich folge doch nur meinen Talenten. Was kann daran falsch sein“.

 

Im  Behandlungszimmer angekommen setzte sie sich auf den freien Stuhl vor dem Schreibtisch. Es herrschte dort eine unangenehme Stille. Eine Art Sofa stand zu ihrer rechten, umgeben von einigen Blumenrabatten, schräg in den Raum hinein. Daneben stand ein weiterer Stuhl. Wummi saß regungslos auf ihrem Platz und schaute sich zögerlich im Raum um. Nur ein einziger Satz hämmerte gnadenlos durch ihre Gedanken „Ich muss meinen Talenten folgen“ während ihr Schweißperlen auf die Stirn traten. Ihr Herz begann zu rasen und Angst durchzog ihre Persönlichkeit.

 

In diesen langen Augenblicken trat der Psychologe in den Raum und sprach zunächst folgendes „Guten Tag Wummi, was kann ich für Sie tun? Wie fühlen Sie sich? Es freut mich, dass Sie zu uns gekommen sind“.

 

Der Psychologe hatte dabei ein freundliches Lächeln aufgesetzt, setzte sich auf seinen Platz hinter dem Schreibtisch und schrieb etwas in eine Akte die er unter dem Arm gehalten hatte.

 

Wummi war mit dieser Situation und der Begrüßung völlig überfordert und Antwortete nichts. Schweigend, mit einem starren Blick in Richtung Fester, saß sie wortlos auf ihrem Stuhl und verstand die Welt nicht mehr.

 

Der Psychologe schaute dabei von seiner Akte auf und fragte was Wummi bedrücke und ob sie sich ihm offenbaren wolle. Dabei verschwand sein Lächeln und wich einem fragenden nahezu bohrenden Blick. Parallel dazu vollzog er mit der rechten und linken Hand, synchron, Bewegungen, die sie dazu animieren sollten, sich zu öffnen.

 

Sekunden danach brach es aus Wummi heraus! Panisch und mit erhobener, energischer Stimme rief sie „Was sind meine Talente? Ich suche Sie! Ich weiß was ich leisten kann! Niemand versteht was ich tue und sage. Die Menschen sind mir fremd und ich mag sie nicht, weil die Menschen mich nicht verstehen können. Sie sehen nicht. Blindlings stürzen sich die Menschen in das Leben und vergessen  ihre Nachbarn.“

 

Während Ihrer energischen Rede war Sie vom Stuhl aufgesprungen, zum Sofa gelaufen und kam dort schwungvoll zum Liegen. Genau passgerecht lag sie nun auf dem Sofa und rief sehr laut „Sie sind doch Psychologe, sagen Sie mir was mich daran hindert meinen Talenten zu folgen“.

 

Während der Psychologe einen der Blumentöpfe vom Boden aufhob und denselben zur Seite stellte, sagte er, dass er in ihr eine Blocklade sehe. Er fügte hinzu „Öffnen Sie sich Wummi und sprechen Sie über ihr Problem. Ich möchte ihnen Helfen und ihnen den Weg zeigen der in ihnen liegt“. Zeitgleich rief er die Schwester und bat sie, ihm ein Glas Wasser zu bringen.

 

Daraufhin erhob Wummi erneut ihre Stimme und rief „Sie haben vorhin gesagt dass sie sich freuen. Sie haben gesagt es freut sie, dass ich zu ihnen gekommen bin. Was soll das denn heißen! Freuen sie sich wenn die Menschen zu ihnen kommen müssen? Ihr Warteraum ist voll und es war nur ein einziger Stuhl frei welches mir zu denken gibt. Ich bin nur hier weil sie mir helfen sollen einen Weg zu meinen Talenten zu finden“.

 

Der Psychologe war offensichtlich nervös. Es gefiel ihm nicht dass die Arzt- Patientenkommunikation so lautstark verlief. Mit der Frage an Wummi wo ihrer Meinung diese Talente liegen würden und welches Problem sie am meisten belastet, endete dieser Besuch in der Praxis des Psychologen mit den Worten von Wummi „jetzt habe ich meine Talente erkannt und weiß jetzt wo mein Weg ist“, abrupt.

 

Behende wie nie zuvor entwich sie aus dem Behandlungszimmer Nummer 1, stürmte durch die Praxis und benutzte die Ausgangstür ohne etwas herunterzureißen, umzustürzen oder etwas anderes zu beschädigen.

 

Der Psychologe blieb in seinem Behandlungszimmer sitzen, lief noch lange unruhig von einer Raumecke in die andere, hielt seine Arme hinter dem Rücken verschränkt  und dachte sehr intensiv nach…

 

Wummi hinterließ in der Praxis des Psychologen einen bleibenden Eindruck. Noch sehr viele Tage danach unterhielten sich die Mitarbeiter, wie Wummi den Chef beeindruckt hatte.

 

Alle achteten auf Wummi!

 

© by Volker Hochmuth 2012

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